Achim Sommer (Hrsg.): The World of Tim Burton

Manchmal sind die normalen Menschen die Monster

Zeichnen war ein Ventil für mich, um auszudrücken, was immer ich fühlte, um aus der geisttötenden Einförmigkeit der Vorstadt auszubrechen. (T.B.)

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Schon als Kind zeigte sich Tim Burtons zeichnerisches Talent, mit 13 Jahren drehte er seinen ersten Film. Nach einem Studium in Trickfilmkunst, finanziert durch die Disney-Studios und der Mitwirkung an mehreren Zeichentrickfilmen trat er auch als Autor und Regisseur den Erfolgskurs an (der Kurzfilm Vincent ist preisgekrönt).

Das Max Ernst Museum in Brühl holte im Jahr 2016 mit der Ausstellung The World of Tim Burton das zeichnerische und malerische Werk des US-amerikanischen Popkünstlers nach Deutschland und macht sie hier einem breiten Publikum bekannt. Begleitend zu dieser Ausstellung ist der vorliegende Ausstellungskatalog erschienen. Als Einstieg fasst Prof. Dr. Jürgen Wilhelm (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Max Ernst) die einzelnen Stationen und Meilensteine des originellen und kreativen Künstlers zusammen und setzt diesen in eine dialogische Beziehung zu Max Ernst. Auf zwei kurze Einleitungen durch den Herausgeber Achim Sommer sowie die Kuratorin Jenny He folgen eine kurze Stellungnahme von Tim Burton und seine Gefühle zu dieser Ausstellung sowie ein Interview, das Achim Sommer und Patrick Blümel (Ausstellungsassistent) mit Tom Burton geführt haben.

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Das Herzstück des Buchs sind sicher die 60 Seiten mit Bildern aus der Ausstellung. Sie bestechen durch ihre phantasievollen Szenerien, die makabren Ideen, gruselige, skurrile und abgründige Charaktere.

Manchmal fühle ich mich wie ein Alien, der zu nichts und niemandem in seinem Umfeld einen Zugang findet. (T.B.)

Tim Burton zeichnet eine surreale Welt, in der es thematisch immer wieder um den Tod und das Leben danach geht und die Beziehungen zwischen verschiedenen Welten aufgegriffen werden. Seine Helden sind oft Aussenseiter, melancholische, depressive Helden, welche unter der Welt um sie leiden.

Wie viele Menschen habe ich mich Aussenseitern immer verbunden gefühlt. Nicht in der Lage zu sein, dazuzugehören, das Gefühl, dass alles, was man anfasst, in der Luft zerrissen oder in den Schmutz gezogen wird…Es ist schön zu sehen, wenn ein Aussenseiter der Held ist – zu sehen, dass Anderssein nicht heissen muss, dass man nichts zu bieten hat und dass mitunter die sogenannten normalen Menschen die eigentlichen Monster sind. (T.B.)

Den Abschluss des Buches macht eine ausführliche und reich bebilderte Biographie des Künstlers. Alle Texte sind in Deutsch und Englisch verfasst.

Fazit:
Ein informatives und sehr schön gestaltetes Buch zu einem aussergewöhnlichen Künstler, das den Betrachter in neue – skurrile, abgründige und auch zum Nachdenken anregende – Welten entführt. Absolut empfehlenswert.

TimBurtonCover

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 120 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag (14. August 2015)
ISBN-Nr.: 978-3775740296
Preis: EUR 24.80 / CHF 34.90

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Rembrandt: Sämtliche Zeichnungen und Radierungen

Rembrandt van Rijn wurde 1606 in Leiden (NL) geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule und einem abgebrochenen Studium beschloss er, Maler zu werden. Was für ein Glück.  Superlative sind in der Kunst immer so eine Sache, doch gehört Rembrandt wohl durchaus zu einem der grössten Maler aller Zeiten. Dass nicht nur seine Malereien, sondern auch die Zeichnungen grossartig sind, davon kann man sich im vorliegenden Buch überzeugen. Pünktlich zum 350. Todestag 2019 brachte der Taschenverlag diesen monumentalen Band mit 700 Zeichnungen und 313 Radierungen auf den Markt.

Durch die hohe Bildqualität sieht man die Meisterschaft von Rembrandts Zeichnungen detlich: Sein Spiel mit Licht und Schatten, das er mit gekonnten Schraffuren umsetzt und damit auch eine emotionale Botschaft vermittelt. In seinen Porträts schafft er es, mit gezielten Strichen die Mimik herausarbeiten, welche oft auch Hinweis auf die inneren Vorgänge des Porträtierten ist.

Zwar lagen Rembrandts Schwerpunkte bei biblischen und historischen Motiven, doch finden sich unter seinen Zeichnungen und Radierungen auch wunderbare Landschaften, Porträts und Tiere. Es ist schwer, bei diesem Buch bescheidenere Worte zu verwenden, da das Können dieses Künstlers aus allen Seiten sticht. Zudem ist das Buch so hochwertig gestaltet, dass man wohl kaum näher an den Genuss der Betrachtung eines Originals käme als auf diese Weise. Für einen Bewunderer grosser Zeichenkunst eine wahre Freude.

Das Buch ist nicht nur haptisch und vom Design her hochwertig gestaltet, es ist mit 36,2 x 8,8 x 42,4 cm auch nicht wirklich klein.

Fazit

Ein wunderschönes, sehr hochwertig gestaltetes Buch, das die Zeichnungen und Radierungen Rembrandts eindrücklich präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Peter Schatborn war Leiter des Rijksprentenkabinet im Amsterdamer Rijksmuseum und Gastdozent am Getty Research Institute in Los Angeles. Er kuratierte unter anderem Ausstellungen der Frick Collection in New York und der Fondation Custodia in Paris. Den Schwerpunkt seiner Forschung bilden die niederländischen Zeichnungen des 17. Jahrhunderts.

Erik Hinterding studierte Kunstgeschichte an der Universität Utrecht und promovierte über Rembrandt als Radierer. Er wirkte an zahlreichen Publikationen und Ausstellungen mit, unter anderem für die Fondation Custodia in Paris, die Scuderie del Quirinale in Rom, die Klassik Stiftung Weimar und das National Museum of Western Art in Tokio. Er ist einer der beiden Verfasser des New Hollstein Werkverzeichnisses der Radierungen Rembrandts aus dem Jahr 2013. Seit 2012 ist er Kurator im Amsterdamer Rijksmuseum, wo er die Sammlung frühneuzeitlicher Drucke betreut.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 756 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (19. Mai 2019)
Autoren: Peter Schatborn und Erik Hinterding
ISBN: 978-3836575423
Preis: EUR: 150 ; CHF 204

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Gustav Klimt: Sämtliche Gemälde

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass wohl jeder schon mal ein Bild von Gustav Klimt gesehen hat. Vor allem seine ganz berühmten Werke wie „Der Kuss“ oder „Adele Bloch-Bauer“, über welches auch ein sehr empfehlenswerter Film gedreht wurde (Die goldene Frau) sind noch heute sehr präsent. Klimt (14. Juli 1862 – 6. Februar 1918) war schon zu Lebzeiten bekannt, er genoss grosses Ansehen, vor allem auch bei anderen Künstlern (einer von Klimts grossen Verehrern war übrigens Egon Schiele, welcher in seiner Direktheit, den Finger auf die Tabus der Gesellschaft zu legen, noch über Klimt hinauswuchs.). Mit seinen oft provokativen und auch erotischen Bildern ebnete er den Weg in die Avantgarde, brachte er neuen Wind in die Wiener Malerei. Noch heute gilt er als bekanntester Vertreter des Wiener Jugendstils.

Der vorliegende Bildband präsentiert die Gemälde Gustav Klimts, angefangen bei der frühen Salonmalerei über die Frauenporträts bis hin zu den Landschaften der späteren Jahre. Auch dem landläufig weniger bekannten zeichnerischen Werk wird Rechnung getragen. Die sehr informativen und kompetenten Begleittexte helfen, die Bilder, ihre Entstehung und Wirkung zu verstehen, sie liefern Detailwissen und schärfen den Blick auf das grossartige Werk dieses Künstlers.

Das Buch ist die etwas verkleinerte Version eines früheren Buches, welches damals 150 Euro kostete. Klein ist es aber immer noch nicht mit fast 26 cm Breite, 35 cm Höhe und 5 cm Dicke, was auch gewichtsmässig im wahrsten Sinne des Wortes zu Buche schlägt.  Der Kraftakt lohnt sich aber: Eine überzeugende Gestaltung, ein sehr ansprechendes Layout und fantastische Reproduktionen machen das Buch zu einem wahren Kunstwerk.

Fazit

Ein grossartiges, tiefgründiges und sehr hochwertig gestaltetes Buch, das die Bilder des grossartigen Künstlers Gustav Klimt wunderbar präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:

Tobias G. Natter ist ein international geschätzter Fachmann für die Kunst in Wien um 1900. Er war lange Zeit an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien tätig, zuletzt als Chefkurator. Zudem arbeitete er als Gastkurator an der Tate Liverpool, der Neuen Galerie New York, der Hamburger Kunsthalle, der Schirn in Frankfurt am Main und dem Jüdischen Museum Wien. Von 2006 bis 2011 leitete er das Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz und war von 2011 bis 2013 Direktor des Wiener Leopold Museums. Im Jahr 2014 gründete er das Unternehmen Natter Fine Arts, das sich auf die Schätzung von Kunstwerken und die Entwicklung von Ausstellungen spezialisiert hat. Bei TASCHEN sind von ihm Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde, Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900 und Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909-1918 erschienen.

Angaben zum Buch:

  • Gebundene Ausgabe: 604 Seiten
  • Verlag: Taschen Verlag (24. November 2017)  
  • Herausgeber: Tobias G. Natter
  • ISBN: 978-3836566599
  • Preis: EUR: 50 ; CHF 68

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Erde

Ich mag das Arbeiten in Serien. Hier sehr abstrakt, aber auch bei Stillleben arbeite ich gerne in Reihen, so dass ich ein Thema, eine Farbpalette oder auch einen Stil mehr als einmal anwende. Erstens lernt man beim Arbeiten in grösseren Projekten immer wieder dazu, zweitens gefällt mir meist eine Art der Darstellung so gut, dass ich sie nicht nur einmal umsetzen möchte. Da ich oft auch eher kleinformatig male, ergibt sich so auch die Möglichkeit, Bilder gemeinsam zu hängen, so dass das Bild nicht nur für sich eine Wirkung hat, sondern auch im Miteinander.

David Hockney: A bigger Book

Ein Leben in Bildern
David Hockney beschloss schon im Alter von 11 Jahren, dass er Maler werden will:

„Ich glaube, jeder, der Bilder malt, liebt dieses Gefühl, mit einem Pinsel voller Farbe etwas zu bestreichen!“

Hockney gilt als einer der grössten Maler heutiger Zeit. Seine Bilder bestechen durch ihre bunte Farbigkeit, seien das die flächig gemalten Stilleben, Landschaftsgemälde, Porträts oder auch in jüngster Zeit iPad-Bilder. In seinen Bildern hält er alles fest, was er um sich herum sieht und was ihm irgendwie gefällt – von Keksdosen über Zahnpastatuben, Zimmern, Früchte, Blumen bis hin zu Landschaften ist alles dabei.

Beim vorliegenden Buch ist der Titel Programm: A bigger Book ist in der Tat grösser als andere Bücher. Im SUMO-Format (50x70cm) findet man auf 500 Seiten eine visuelle Autobiografie des Künstlers.

Das ist ein Buch mit wenig Text. Alles, was es braucht, sind Bilder.

Zeichnungen und Bilder aus der Zeit auf der Bradford School of Art machen den Anfang und es geht weiter bis hin zu seinen Porträtreihen und iPad-Zeichnungen.

„Die Leute verwenden das iPad für die unterschiedlichsten Dinge“, erklärte er vor rund 200 Zuhörern. „Meine Mutter hätte es für ihre Kreuzworträtsel geliebt – und ich benutze es zum Zeichnen. Die Vielfalt der Farben und Möglichkeiten ist schier unendlich.“

Hockney hat den Entstehungsprozess des Buches eng begleitet, so dass die über 450 Bilder wirklich eine von ihm präsentierte Autobiographie seines Schaffens darstellen. Eingeleitet wird das Ganze durch ein handschriftliches Vorwort des Künstlers. Dieser scheint bei der Arbeit an diesem Buch selber überwältigt gewesen zu sein ob seines Schaffens:

Ich neige nicht dazu, in der Vergangenheit zu leben. An diesem Buch zu arbeiten hat mir gezeigt, wie viel ich geschaffen habe. [Übersetzung S. M.]

Da trotz alledem einige Erklärungen immer hilfreich und wünschenswert sind, wird der Bildband von einer illustrierten Chronologie von über 600 Seiten begleitet, welche die Bilder im jeweiligen Kontext verorten und die Gedanken des Künstlers sowie die zeitgenössische Rezeption zu Wort kommen lassen.

Ein wirklich wunderbarer Bildband, der leider nicht ganz günstig ist. Die limitierte Auflage von 10’000 Exemplaren teilt sich auf in 9000 signierte Bücher, jedes mit einem Marc Newson Buchständer, und 4 Kunstausgaben, welche signiert sind und von einer iPad-Zeichnung sowie dem Buchständer begleitet werden. Wer also spendable Freunde, Partner oder Eltern hat, soll schon mal seinen Wunschzettel für Weihnachten schreiben – oder sich selber etwas Gutes gönnen.

Fazit
Eine alle Masse und Rahmen sprengende visuelle Autobiographie eines der grössten Künstler unserer Zeit.

Angaben zum Buch:
Hardcover: 498 Seiten, 13 Ausklappseiten, 50 x 70 cm, mit Buchständer (Marc Newson) und illustriertem 640-seitigem Begleitbuch
Verlag: Taschen Verlag (25. September 2016)
ISBN: 978-3836508759
Limitierte Collector’s Edition von 9’000 signierten Exemplaren: Preis: EUR: 2000
Ebenfalls erhältlich: 4 Art Editionen von jeweils 250 Exemplaren plus iPad-Zeichnung

Erhältlich direkt beim Taschen Verlag: HIER

Peter Jenny – ein Blick hinter die Kulissen

Wenn Sie Ihr Leben erzählen müssten, was wäre Ihre Kurzbiografie?

1942 geboren in eine Bergbauernfamilie, die aus dem Wenigen mehr machen musste. Die Erziehung frei, die Familienstruktur war geprägt durch ein verstecktes Matriarchat. Meine Tagträume wurden kaum gestört durch Eltern und Lehrer. Als 10-jähriger war kein Buch sicher vor mir, ich las alles, was ich zwischen die Hände bekam, vom Appenzeller Kalender zu Jeremias Gotthelf bis hin zu den eher verpönten „Schundheftli“.
1958-1962 Lehre als Typograpf.
1964-1965 Kunstgewerbeschule, Zürich
1965-1972 eigenes Büro für Gestaltung
1969-1970 Lehrer am Vorkurs der KGS Zürich, wo ich wegen unüberbrückbaren Differenzen mit der Schulleitung kündigte.
1971 Mitbegründer der privaten Schule Farbe und Form (F+F) in Zürich.
1975-1977 Dozent an der ETH,Zürich (Abteilung für Geistes-und Sozialwissenschaften)
1977-2007 Professor an der ETHZ (Abteilung Architektur). In dieser Zeitspanne realisierte ich verschiedenste Ausstellungen im In- und Ausland, immer mit den Themen Wahrnehmung und Gestaltung. Im gleichen Themenkreis bewegen sich auch meine vielen Publikationen, die z. Teil in sieben Sprachen übersetzt wurden.
Heute bin ich hauptsächlich als Berater und Publizist, vor allem in kulturellen Bereichen, tätig.

Sie haben eine Ausbildung in Gestaltung gemacht (Typografie, Grafik, Fotografie) – was war ihr Ziel?

Mein Ziel war immer ein eigenes Büro für Gestaltung. Dass ich Lehrprozesse für gestalterische und künstlerische Berufe entwarf, entstand durch „Notwendigkeit“. Die Bauhauslehre des sogenannten Vorkurses an der Kunstgewerbeschule Zürich war hoffnungslos veraltet.

War immer klar, dass Sie einen kreativen Beruf ergreifen wollten? Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Ja, das war mir immer klar. Schon die obligatorischen Schuljahre liessen mir viel Zeit, um sozusagen autodidaktisch kreative Prozesse loszutreten. Lehrpersonen und Lehrstoff störten mich dabei kaum. In Tisch und Bank wurde geritzt und Schulbücher zeichnend ergänzt.

Später wurden Sie Professor für Gestalten an der ETH, im Bereich Architektur. Was hat Sie am Lehren gereizt?

Bis dahin durchlief ich meine eigenen Schulen sowohl als Gestalter wie als Unterrichtender. Grundsätzlich gilt: Alles, was der Mensch macht, existiert zuerst einmal als bildnerische Vorstellung, Architektur bildet hier keine Ausnahme. Das Grundlagenfach „Bildnerisches Gestalten“ muss für gestalterische Berufe ein Hauptfach sein, selbst wenn die Resultate mehrheitlich im Papierkorb landen. Es geht um kreatives Denken. Das Privileg der Ausführung im öffentlichen Raum wird zuerst durch Bilder überprüfbar.

Was ist gute Gestaltung? Welche Kriterien müssen erfüllt sein?

Funktionalität! Diese kann sich durch verschiedenste Ansprüche manifestieren. Zum Beispiel, wenn Schönheit fehlt, ist somit ein Teil der Funktionalität nicht erfüllt. Gute Gestaltung kann auch bereits bei den Nutzniessern beginnen. Wenn diese ihre entsprechenden Ansprüche geltend machen könnten, hätte dies einen qualitätsfördernden Einfluss auf das Gebaute.

Wenn man in einem kreativen oder künstlerischen Beruf tätig ist, kommt es oft vor, dass man die eigene Praxis vernachlässigt. Wie ist das bei Ihnen?

Als ich Professor wurde, musste ich mein Gestaltungsbüro aufgeben. Damit änderte sich mein Gestaltungsauftrag, ich entwarf und gestaltete Prozesse der Wahrnehmung. Die Inhalte, die mich (durch den Lehrplan) beschäftigten, waren: Beobachten, Zuhören, Erfinden und Motivieren. Meine Praxis habe ich also nicht vernachlässigt, ich habe sie nur verschoben. Performances und Prozesskunst beschäftigten mich seit je als Gestaltungslehrer, nicht erst an der ETH. Daneben realisierten wir am Lehrstuhl immer wieder Aufträge für die Öffentlichkeit und für andere Hochschulen (z.B. Bauhaus Dessau).

Kreativität liegt Ihnen am Herzen, Sie haben einige Bücher geschrieben, die sich mit kreativen Techniken beschäftigen. Wieso ist Kreativität so wichtig?

Wir können unendlich weit zurück blicken, doch der Blick für Zukünftiges verkürzt sich ständig. Deshalb sind Kreativität und Vorstellungsvermögen sehr wichtig. Umdenken, neue Wege nutzen und Neugierde kultivieren ist in allen Lebensbereichen wünschenswert. Kulturtechniken und Bilder werden somit zum wichtigen Bildungsstoff. Hier liegt ein Umstand vor, der vielen Lehrern zu schaffen macht, da sie eine Fähigkeit unterrichten müssten, die zur Bewältigung des Unvorhergesehenen eingesetzt werden könnte. Dem Unvorhersehbaren erfolgreich zu begegnen, erfordert Kreativität!

Woher nehmen Sie die Ideen für eigene Projekte? Was inspiriert sie?

Ich wechsle die „Brille“ indem ich Denkformen aus anderen Gebieten hole. In der frühen Kindheit ist diese Fähigkeit noch ausgeprägt. Kinder spielen gerne Rollen und diese Rollenspiele öffnen eigene Rollenmuster. Auch Outsider zeigen, was Obsession und selbständiges, überraschendes Lernen bewirken. Ich frage mich auch, was ich analog und was ich digital untersuchen kann. Im Vorfeld eines Projektes habe ich zwangsläufig immer mehr Fragen als Antworten. Als Kulturschaffender arbeite ich in einem der seltenen Gebiete, in dem der Rollenwechsel zwischen Lehrendem und Lernendem möglich ist.

Ich denke oft, dass Kunst und der Begriff Künstler konnotiert sind – entweder negativ im Sinne von „einer, der Kunst macht, ist ein Nichtsnutz, ein Tagträumer und Phantast (was per se wunderbar ist, aber so nicht gemeint)“, oder aber (zu) positiv, dass nur einer kleinen Elite zugestanden wird, sich Künstler zu nennen, die anderen sind Hochstapler. Was bedeutet Kunst für Sie?

,,Jeder Mensch WAR ein Künstler“.
Der Säugling, der sich ins Leben tastet: Geruch/Wärme, Schreien/Atmen, Klammern/Begreifen.
Das Kleinkind, das Nähe, Geborgenheit und Schutz sucht: Stammeln/Sprechen, Taumeln/Gehen, Schmieren/Zeichnen.
Das Kind, das erfindet: Summen/Singen, Blasen/Pfeifen, Buchstabieren/Lesen, Fragen/Antworten, Ja/Nein…

,,Jeder Mensch KÖNNTE ein Künstler sein“.
Selber lernen: Ausprobieren, Fragen, Entdecken, Verändern, Verbessern, Erneuern…!

Das bildnerische Denken bietet reversible Formen, die in jeder Tätigkeit sinnvoll sein können. „Kunst“ ist nicht von der Tätigkeit abhängig. Wenn Kritzeleien, Form und Farbe dazu ermuntern, sich am Aussergewöhnlichen zu erfreuen, umso besser. Anschauliches Denken hat grosse Verflüssigungseigenschaften, wo und wie sie sich entfalten ist letztlich selbstbestimmt von allen, die sich darauf einlassen.

Sie sagten mal, Sie seien kein Künstler, sondern Kulturtechniker. Wo sehen Sie die Grenze?

Die Grenze ist fliessend, als Künstler würde ich mich völlig anders positionieren und auch produzieren. Als Gestaltungslehrer kann ich meine Überzeugungen und Vorstellungen gezielter platzieren.

Denken Sie, um Künstler zu werden, ist eine klassische Ausbildung nötig, oder sehen Sie auch andere Wege? Wenn ja, welche?

Natürlich gibt es – zum Glück – andere Wege. Max Bill hatte so seine Zweifel, dass Schulen Künstlerinnen und Künstler hervorbringen könnten. Damit betonte er den individuellen Werdegang. Max Frisch war ursprünglich Architekt, seine Bedeutung erlangte er als Schriftsteller. Facteur Cheval war Postbote und wurde Architekt (Palais ideale). Die extremen Bildungsunterschiede sind bezeichnend.

Was würden Sie einem anstrebenden Künstler raten?

Ich würde ihm empfehlen, eine Situation zu suchen, die ihm viel Zeit für das Entdecken lässt und ihm Ermunterung bietet.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie für Ihre Kreativität Stille und Einsamkeit oder stören Sie andere Menschen nicht?

Sie haben recht, die Talentverschüttung nach den ersten Lebensjahren ist riesig. Ich arbeite gerne am frühen Morgen, bei schlechtem Wetter auch auf einem wenig besuchten Ausflugsschiff oder als Stubenhocker in den eigenen vier Wänden. Für die Studierenden befürwortete ich immer Arbeitsräume, die rund um die Uhr nutzbar sein sollten.

Sie haben Bücher über Fotografie und über das Zeichnen geschrieben. Früher wurde die Kamera ja mal als Gefahr für die Malerei gesehen, weil man mit ihr viel schneller und realistischer abbilden kann. Wie sehen Sie das Verhältnis der beiden?

Jedes Medium bietet seine eigenen Möglichkeiten. Keine vorzeitige Spezialisierung, denn eine schlechte Fotografie verändert vielleicht im positiven Sinne eine Zeichnung,
und umgekehrt. Für alle Medien gilt eines, die Beobachtung zu trainieren. Die technischen Anforderungen fürs Fotografieren beherrschen sie schnell, das aussergewöhnliche Bild verlangt in jeder Technik die höchste Aufmerksamkeit. Fotografie ist zu einem Medium für alle geworden, dennoch bleibt das Kunstwerk die Ausnahme. In der Zeit des Lernens sollte die Wahl der Medien offen sein, die Mut machenden Techniken sind empfehlenswert. Naturalistisch oder abstrakt ist nicht vom Medium abhängig.
In meinen Büchern gibt es zwar Schwerpunkte, die Wahl der Mittel ergibt sich durch Vorlieben und das Thema.

Kann es sein, dass die abstrakte Kunst vermehrt aufkam, um sich von der Kamera und deren Blick zu distanzieren, neue Wege gehen zu können?

Das, was sie mit neuen Wegen bezeichnen, ist immer wichtig. Die Freude des Entdeckens steht bei kreativen Menschen im Vordergrund. Darum behaupte ich: „Jeder Mensch war ein Künstler!“ In den ersten Lebensjahren stehen das Entdecken und das Lernen gemeinsam im Zentrum. Wer anschauliches Denken unterrichtet, ist gut beraten, von den Kindern zu lernen.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?

Zum Lieblingsprojekt wird es dann, wenn es sich an Autodidakten wendet. Wenn die Leserin, der Leser entdeckt, wie vielfältig die Möglichkeiten beim selbständigen Lernen sind. Dass individuell entschieden werden kann, warum, wann, wo und mit wem sie lernen. Zehn Taschenbücher, eine Schule zwischen Buchdeckeln, bilden für Interessierte ein Buffet zur Selbstbedienung für Bildhungrige. In diesem Sinne ist meine Taschenbuchreihe „mein liebstes Kind“.

Buchtipp:

Peter Jenny – Kreative Interventionen

Didier Ottinger (Hrsg.) Magritte. Der Verrat der Bilder (Rezension)

Malerei als Ausdruck philosophischen Denkens

Magritte ging mit seiner Malerei neue Wege. Was er betrieb, könnte man als Philosophieren mit dem Pinsel bezeichnen. Sein Malen war Denken bildhaft dargestellt. Er setzte das Wort neben das Bild und umgekehrt. Die Malerei Magrittes befasst sich ohne Unterlass mit den Fragen über das Wesen und den Status der Kunst.

Vorhänge, Wörter, Flammen, Schatten, Fragmente und Collagen verweisen auf Legenden und Allegorien, die allesamt den Status der Bilder und deren Beziehung zur Wirklichkeit oder zur Wahrheit hinterfragen.

Immer wieder tauchen dabei die fünf Motive Feuer, Schatten, Vorhänge, Wörter und fragmentierte Körper auf. Der vorliegende Band setzt sich mit diesen Motiven auseinander, zeigt deren Funktion im Malen und Denken Magrittes und illustriert das anschaulich anhand der entsprechenden Bilder.

Magritte wollte hinter den gewohnheitsmässigen Gebrauch der Sprache blicken, er wollte offenlegen, das Worte beliebig Gegenständen zugeordnet werden und dann durch Generationen tradiert ohne je zu hinterfragen, was genau Objekt, was Wort und wie der Zusammenhang beider aussieht. Diesen Gedanken stellte er das Bild entgegen, welches auch ein Abbild des Objektes ist, aber nicht der Gegenstand selber. Dabei ist er der Überzeugung, dass die Verbindung Bild – Objekt weniger beliebig ist als die zwischen Wort und Objekt.

Aus der Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Wahrnehmung des Bildes und der des Gegenstandes ergibt sich unter anderem, dass es „in dem Sinne, in dem es Fremdsprachen gibt, keine Fremdbilder gibt“. Fremdsprachen kann es nur geben, weil die Beziehung zwischen den meisten Wörtern und dem, was sie bedeuten, beliebig ist und daher erlernt werden muss.

Mit seinen Bildern wollte Magritte das Denken sichtbar machen. Immer wieder stellt er den Bezug zur Philosophie her, bringt die Gedanken der grossen Denker auf die Leinwand.

Die vorliegende Monografie stellt die Persönlichkeit des Künstlers ins Zentrum und legt dessen Verständnis von Kunst und Wirklichkeit sowie der Beziehung zwischen den beiden offen. Hochstehende und tiefgründige Essays führen den Leser in Magrittes Denken, seine Motivwahl und deren Bedeutung im Hinblick auf sein Denken und Malen ein:

  • Magritte als Philosoph – ein Porträt (Didier Ottinger)
  • Wörter, Schatten, Flammen, Vorhänge, Fragmente. Magritte und die Gründungsmythen der Malerei (Didier Ottinger)
  • Zwischen Wahlverwandtschaft und Beliebigkeit. Anmalen gegen die imaginären Grenzen der Imagination (Klaus Speidel)
  • Sehen, um zu glauben. René Magritte und die Erfindung der Kunst (Jan Blanc)
  • Der Maler-König (Barbara Cassin)
  • Magrittes Vorhänge (Victor I. Stoichita)
  • Schönheit ist ein bildnerisches Problem (Jacqueline Lichtenstein)
  • Vom Bild als Deckmantel zur Kunst des Problems (Michel Draguet)

Auch Magritte selber kommt zu Wort in seinem Vortrag von 1938 mit dem Titel Lebenslinie I, sowie in ausgewählten Briefen.

Veranschaulicht werden all diese Theorien anhand ausgewählter und farblich hochwertiger Bilder, durch ein stilvolles Layout in Szene gesetzt werden. Ein rundum gelungenes Buch, das jedem Magritte-Fan nur empfohlen sei.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Magrittes Bildern, Motiven sowie seinen Gedanken und Theorien auseinandersetzt. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:
Didier Ottinger ist stellvertretender Direktor des Musée national d’art moderne, Centre de création industrielle und Autor zahlreicher Bücher.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (16. Januar 2017)
ISBN: 978-3791355979
Preis: EUR: 39.95 ; CHF 52.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH