Dirk Bonsma – ein Blick hinter die Kulissen

Kurzbiografie
Dirk Bonsma, geboren 1957, lebt und arbeitet im Kanton Bern.
Er bezeichnet sich als Sachbearbeiter in seiner eigenen Firma, in welcher er diverse Sachen bearbeitet.
Daraus entstehen Poster für Rockkonzerte, CD/LP-Hüllen, Signete, Bücher, allerlei Kunst und vieles vieles mehr.
 
Waren Sie das Kind, das immer und überall  mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Zeichenstifte sind spitz und äusserst gefährlich.
Ich hatte sie als Kind immer in meiner Nähe, aber glücklicherweise musste ich sie nie als Waffe einsetzen.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?
Es begann mit unbedarftem Vormichhinkritzeln, plötzlich traf mich das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.
Offensichtlich hab ich die Zeichen der Zeit gezeichnet, es passte immer irgendwie. Ein Hoch auf die Subkultur, dort hab ich meine Brötchen verdient.
Heute mache ich allerlei Auftragsarbeiten nach Lust und Laune und manchmal sogar Kunst.

Was macht einen guten Illustratoren aus?
Er/Sie sollte nicht um jeden Preis gefallen wollen.
Er/Sie sollte mit viel Fantasie ausgestattet sein.
Er/Sie sollte Geduld, Talent und Freude an der Sache haben.
Ganz wichtig: Mir oder irgendjemand anderem gefällt seine/ihre Arbeit.

Ist Illustration Kunst oder Handwerk?
Kunsthandwerk 

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?
Die Vorteile nutzen, den Rest ausblenden

Was zeichnet Ihren Stil aus?
Klarer Strich. Viel Schwarz Weiss, wenn Farbe, dann meistens Rot Blau. Für Jederfraumann lesbar, verständlich, manchmal dilettantisch.
Es gibt Leute, die unterstellen mir Humor (dabei hab ich mich selbst noch nie gezeichnet). Wichtig: Ich versuche immer eine Geschichte zu erzählen.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?
Meine Lieblingsmedien:
Pinsel und Farbe, Fixpensil,  Farbstift (Carand’Ache 999 Blaurot), Kugelschreiber, Radio und Fernsehen, Zeitung (Inspiration).


 Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Duschen, Zeitung lesen, Kaffee trinken, Zeichnen, Essen, mit Hund spazieren, Zeichnen, manchmal Basteln, Tee trinken, Zeichnen, Essen, Schlafen.
Manchmal mach ich auch einfach eine ausgedehnte Künstlerpause…

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Wenn ich an einem Auftrag arbeite, bevorzuge ich die Einsamkeit, Stille ist jedoch nicht mein Ding, im Gegenteil, ich liebe Musik zum Zeichnen und wenn ich weiss, wohin die Reise geht , kann ich sehr wohl unter Leuten kreativ sein.
 
Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?
Am Anfang ist der Auftrag (den geb ich mir manchmal auch selbst), dann die Idee und später folgt der Weg zum Ziel, das sich meistens an einem anderen Ort befindet.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?
Schwer zu sagen… Im Idealfall ist es das Projekt, an dem ich gerade arbeite. Zur Zeit male ich an einem Plakat für eine Ausstellung zum Thema „Kochen“.

Welches Projekt würden Sie einem Leser gerne vorstellen?
Ich habe vor einiger Zeit ein Schaltjahr lang jeden Tag einen Linolstempel geschnitten. Daraus entstanden 200 Künstlerbüchlein, jedes ein Unikat. Andrea Nyffeler, eine befreundete Künstlerin , schrieb 160 wunderbare Haikus, die ich mit meinem Stempelfundus nach Gutdünken illustrierte. Das Projekt lief unter dem Titel „Schillernder Schinken“.

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?
Ich bin ehrlich gesagt ein mittelmässiger Netzwerker. Die wenigen, die ich kenne in diesem gigantischen Illustratorenuniversum, treffe ich immer wieder gerne, wir respektieren uns gegenseitig sehr.

Was raten Sie jemanden, der Illustrator werden will?
Probier es doch einfach aus, vielleicht wirst du entdeckt und sogar berühmt. Sei brav und fleissig, erfinde dich.

Welchen Illustrator oder Künstler soll ich hier noch vorstellen?
„Saul Steinberg“, kommt mir da gerade in den Sinn.

Rittiner & Gomez – ein Blick hinter die Kulissen

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Nein.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Schleichend, wir machten unsere Bilder, die dann zur Illustration verwendet wurden.

Was macht einen guten Illustrator aus?

Sie unterstützt treffend einen Text und erklärt zusätzlich Dinge die sich nicht mit Worten sagen lassen.

Ist Illustration Kunst oder Handwerk?

Als Bildermacher haben wir uns diese Frage noch nie gestellt. Sind aber eindeutig Handwerker.

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Beflügelt, die meisten Arbeiten entstanden durch Onlinekontakte und die Zusammenarbeit läuft, fasst ausschliesslich über das Internet.

Was zeichnet Ihren Stil aus?

Eine eigene Bildsprache, die wir über Jahre entwickelt haben, die vom Comic inspiriert ist.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?

Zeichnung und Aquarellmalerei, die sich vermischt, wobei es oft das zeichnerische und dann wieder das malerische im Vordergrund ist.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

7 30 – 11 00h / 14 00 – 17 00h und mit Kaffeepause.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Zu Talent können wir nichts sagen. Zum arbeiten brauchen wir nicht Stille. Hören oft Radio oder Musik . Das mit den Menschen ist tatsächlich so eine Sache, selbes wenn sie nicht im gleichen Raum sind können wir nicht arbeiten.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

Meistens kommen beim Lesen eines Textes, die Bilder ganz automatisch, es gilt dann eine Auswahl zu treffen. Machen auch nie Entwürfe, lassen die Bilder quasi, aus dem Papier heraus wachsen.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?

„Ewig Dein“ eine Liebesgeschichte mit einem wortlosen Comic auf 26 Bildern für die Ausstellung „Liebes Radio“ im historischen Museum Luzern. Jede Woche der Ausstellung kam ein neues Bild hinzu. Den Auftrag erhielten wir 4 Tage vor der Ausstellungseröffnung. Es war also ein Sprung in das kalte Wasser und wie die Geschichte enden würde, wussten wir beim Start noch nicht.

Welches Projekt würden Sie einem Leser gerne vorstellen?

Arbeiten nun seit 19 Jahren an dem Weblog „Isla Volante“ und sind selber erstaunt wie sich der Blog immer wieder veränderte und was daraus alles entstand. Sind aber auch gespannt wie sich die Isla Volante weiter entwickeln wird.

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

Kennen persönlich gar keine Illustratoren. Sind aber immer in Kontakt mit diversen Menschen, aus verschiedensten Berufen, die unsere Arbeit beeinflussen und weiterbringen. Selbstverständlich, hätten wir grosses Interesse, uns mit Illustratorinnen auszutauschen und zu vernetzen.

Was raten Sie jemanden, der Illustrator werden will?

Zeichnen, malen, zeichnen, malen, zeichnen, malen, zeichnen und viel Radfahren.

Welchen Illustrator oder Künstler soll ich hier noch vorstellen?

Patricia Keller

Der Link zum im Interview erwähnten Weblog: HIER

Peter Jenny – ein Blick hinter die Kulissen

Wenn Sie Ihr Leben erzählen müssten, was wäre Ihre Kurzbiografie?

1942 geboren in eine Bergbauernfamilie, die aus dem Wenigen mehr machen musste. Die Erziehung frei, die Familienstruktur war geprägt durch ein verstecktes Matriarchat. Meine Tagträume wurden kaum gestört durch Eltern und Lehrer. Als 10-jähriger war kein Buch sicher vor mir, ich las alles, was ich zwischen die Hände bekam, vom Appenzeller Kalender zu Jeremias Gotthelf bis hin zu den eher verpönten „Schundheftli“.
1958-1962 Lehre als Typograpf.
1964-1965 Kunstgewerbeschule, Zürich
1965-1972 eigenes Büro für Gestaltung
1969-1970 Lehrer am Vorkurs der KGS Zürich, wo ich wegen unüberbrückbaren Differenzen mit der Schulleitung kündigte.
1971 Mitbegründer der privaten Schule Farbe und Form (F+F) in Zürich.
1975-1977 Dozent an der ETH,Zürich (Abteilung für Geistes-und Sozialwissenschaften)
1977-2007 Professor an der ETHZ (Abteilung Architektur). In dieser Zeitspanne realisierte ich verschiedenste Ausstellungen im In- und Ausland, immer mit den Themen Wahrnehmung und Gestaltung. Im gleichen Themenkreis bewegen sich auch meine vielen Publikationen, die z. Teil in sieben Sprachen übersetzt wurden.
Heute bin ich hauptsächlich als Berater und Publizist, vor allem in kulturellen Bereichen, tätig.

Sie haben eine Ausbildung in Gestaltung gemacht (Typografie, Grafik, Fotografie) – was war ihr Ziel?

Mein Ziel war immer ein eigenes Büro für Gestaltung. Dass ich Lehrprozesse für gestalterische und künstlerische Berufe entwarf, entstand durch „Notwendigkeit“. Die Bauhauslehre des sogenannten Vorkurses an der Kunstgewerbeschule Zürich war hoffnungslos veraltet.

War immer klar, dass Sie einen kreativen Beruf ergreifen wollten? Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Ja, das war mir immer klar. Schon die obligatorischen Schuljahre liessen mir viel Zeit, um sozusagen autodidaktisch kreative Prozesse loszutreten. Lehrpersonen und Lehrstoff störten mich dabei kaum. In Tisch und Bank wurde geritzt und Schulbücher zeichnend ergänzt.

Später wurden Sie Professor für Gestalten an der ETH, im Bereich Architektur. Was hat Sie am Lehren gereizt?

Bis dahin durchlief ich meine eigenen Schulen sowohl als Gestalter wie als Unterrichtender. Grundsätzlich gilt: Alles, was der Mensch macht, existiert zuerst einmal als bildnerische Vorstellung, Architektur bildet hier keine Ausnahme. Das Grundlagenfach „Bildnerisches Gestalten“ muss für gestalterische Berufe ein Hauptfach sein, selbst wenn die Resultate mehrheitlich im Papierkorb landen. Es geht um kreatives Denken. Das Privileg der Ausführung im öffentlichen Raum wird zuerst durch Bilder überprüfbar.

Was ist gute Gestaltung? Welche Kriterien müssen erfüllt sein?

Funktionalität! Diese kann sich durch verschiedenste Ansprüche manifestieren. Zum Beispiel, wenn Schönheit fehlt, ist somit ein Teil der Funktionalität nicht erfüllt. Gute Gestaltung kann auch bereits bei den Nutzniessern beginnen. Wenn diese ihre entsprechenden Ansprüche geltend machen könnten, hätte dies einen qualitätsfördernden Einfluss auf das Gebaute.

Wenn man in einem kreativen oder künstlerischen Beruf tätig ist, kommt es oft vor, dass man die eigene Praxis vernachlässigt. Wie ist das bei Ihnen?

Als ich Professor wurde, musste ich mein Gestaltungsbüro aufgeben. Damit änderte sich mein Gestaltungsauftrag, ich entwarf und gestaltete Prozesse der Wahrnehmung. Die Inhalte, die mich (durch den Lehrplan) beschäftigten, waren: Beobachten, Zuhören, Erfinden und Motivieren. Meine Praxis habe ich also nicht vernachlässigt, ich habe sie nur verschoben. Performances und Prozesskunst beschäftigten mich seit je als Gestaltungslehrer, nicht erst an der ETH. Daneben realisierten wir am Lehrstuhl immer wieder Aufträge für die Öffentlichkeit und für andere Hochschulen (z.B. Bauhaus Dessau).

Kreativität liegt Ihnen am Herzen, Sie haben einige Bücher geschrieben, die sich mit kreativen Techniken beschäftigen. Wieso ist Kreativität so wichtig?

Wir können unendlich weit zurück blicken, doch der Blick für Zukünftiges verkürzt sich ständig. Deshalb sind Kreativität und Vorstellungsvermögen sehr wichtig. Umdenken, neue Wege nutzen und Neugierde kultivieren ist in allen Lebensbereichen wünschenswert. Kulturtechniken und Bilder werden somit zum wichtigen Bildungsstoff. Hier liegt ein Umstand vor, der vielen Lehrern zu schaffen macht, da sie eine Fähigkeit unterrichten müssten, die zur Bewältigung des Unvorhergesehenen eingesetzt werden könnte. Dem Unvorhersehbaren erfolgreich zu begegnen, erfordert Kreativität!

Woher nehmen Sie die Ideen für eigene Projekte? Was inspiriert sie?

Ich wechsle die „Brille“ indem ich Denkformen aus anderen Gebieten hole. In der frühen Kindheit ist diese Fähigkeit noch ausgeprägt. Kinder spielen gerne Rollen und diese Rollenspiele öffnen eigene Rollenmuster. Auch Outsider zeigen, was Obsession und selbständiges, überraschendes Lernen bewirken. Ich frage mich auch, was ich analog und was ich digital untersuchen kann. Im Vorfeld eines Projektes habe ich zwangsläufig immer mehr Fragen als Antworten. Als Kulturschaffender arbeite ich in einem der seltenen Gebiete, in dem der Rollenwechsel zwischen Lehrendem und Lernendem möglich ist.

Ich denke oft, dass Kunst und der Begriff Künstler konnotiert sind – entweder negativ im Sinne von „einer, der Kunst macht, ist ein Nichtsnutz, ein Tagträumer und Phantast (was per se wunderbar ist, aber so nicht gemeint)“, oder aber (zu) positiv, dass nur einer kleinen Elite zugestanden wird, sich Künstler zu nennen, die anderen sind Hochstapler. Was bedeutet Kunst für Sie?

,,Jeder Mensch WAR ein Künstler“.
Der Säugling, der sich ins Leben tastet: Geruch/Wärme, Schreien/Atmen, Klammern/Begreifen.
Das Kleinkind, das Nähe, Geborgenheit und Schutz sucht: Stammeln/Sprechen, Taumeln/Gehen, Schmieren/Zeichnen.
Das Kind, das erfindet: Summen/Singen, Blasen/Pfeifen, Buchstabieren/Lesen, Fragen/Antworten, Ja/Nein…

,,Jeder Mensch KÖNNTE ein Künstler sein“.
Selber lernen: Ausprobieren, Fragen, Entdecken, Verändern, Verbessern, Erneuern…!

Das bildnerische Denken bietet reversible Formen, die in jeder Tätigkeit sinnvoll sein können. „Kunst“ ist nicht von der Tätigkeit abhängig. Wenn Kritzeleien, Form und Farbe dazu ermuntern, sich am Aussergewöhnlichen zu erfreuen, umso besser. Anschauliches Denken hat grosse Verflüssigungseigenschaften, wo und wie sie sich entfalten ist letztlich selbstbestimmt von allen, die sich darauf einlassen.

Sie sagten mal, Sie seien kein Künstler, sondern Kulturtechniker. Wo sehen Sie die Grenze?

Die Grenze ist fliessend, als Künstler würde ich mich völlig anders positionieren und auch produzieren. Als Gestaltungslehrer kann ich meine Überzeugungen und Vorstellungen gezielter platzieren.

Denken Sie, um Künstler zu werden, ist eine klassische Ausbildung nötig, oder sehen Sie auch andere Wege? Wenn ja, welche?

Natürlich gibt es – zum Glück – andere Wege. Max Bill hatte so seine Zweifel, dass Schulen Künstlerinnen und Künstler hervorbringen könnten. Damit betonte er den individuellen Werdegang. Max Frisch war ursprünglich Architekt, seine Bedeutung erlangte er als Schriftsteller. Facteur Cheval war Postbote und wurde Architekt (Palais ideale). Die extremen Bildungsunterschiede sind bezeichnend.

Was würden Sie einem anstrebenden Künstler raten?

Ich würde ihm empfehlen, eine Situation zu suchen, die ihm viel Zeit für das Entdecken lässt und ihm Ermunterung bietet.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie für Ihre Kreativität Stille und Einsamkeit oder stören Sie andere Menschen nicht?

Sie haben recht, die Talentverschüttung nach den ersten Lebensjahren ist riesig. Ich arbeite gerne am frühen Morgen, bei schlechtem Wetter auch auf einem wenig besuchten Ausflugsschiff oder als Stubenhocker in den eigenen vier Wänden. Für die Studierenden befürwortete ich immer Arbeitsräume, die rund um die Uhr nutzbar sein sollten.

Sie haben Bücher über Fotografie und über das Zeichnen geschrieben. Früher wurde die Kamera ja mal als Gefahr für die Malerei gesehen, weil man mit ihr viel schneller und realistischer abbilden kann. Wie sehen Sie das Verhältnis der beiden?

Jedes Medium bietet seine eigenen Möglichkeiten. Keine vorzeitige Spezialisierung, denn eine schlechte Fotografie verändert vielleicht im positiven Sinne eine Zeichnung,
und umgekehrt. Für alle Medien gilt eines, die Beobachtung zu trainieren. Die technischen Anforderungen fürs Fotografieren beherrschen sie schnell, das aussergewöhnliche Bild verlangt in jeder Technik die höchste Aufmerksamkeit. Fotografie ist zu einem Medium für alle geworden, dennoch bleibt das Kunstwerk die Ausnahme. In der Zeit des Lernens sollte die Wahl der Medien offen sein, die Mut machenden Techniken sind empfehlenswert. Naturalistisch oder abstrakt ist nicht vom Medium abhängig.
In meinen Büchern gibt es zwar Schwerpunkte, die Wahl der Mittel ergibt sich durch Vorlieben und das Thema.

Kann es sein, dass die abstrakte Kunst vermehrt aufkam, um sich von der Kamera und deren Blick zu distanzieren, neue Wege gehen zu können?

Das, was sie mit neuen Wegen bezeichnen, ist immer wichtig. Die Freude des Entdeckens steht bei kreativen Menschen im Vordergrund. Darum behaupte ich: „Jeder Mensch war ein Künstler!“ In den ersten Lebensjahren stehen das Entdecken und das Lernen gemeinsam im Zentrum. Wer anschauliches Denken unterrichtet, ist gut beraten, von den Kindern zu lernen.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?

Zum Lieblingsprojekt wird es dann, wenn es sich an Autodidakten wendet. Wenn die Leserin, der Leser entdeckt, wie vielfältig die Möglichkeiten beim selbständigen Lernen sind. Dass individuell entschieden werden kann, warum, wann, wo und mit wem sie lernen. Zehn Taschenbücher, eine Schule zwischen Buchdeckeln, bilden für Interessierte ein Buffet zur Selbstbedienung für Bildhungrige. In diesem Sinne ist meine Taschenbuchreihe „mein liebstes Kind“.

Buchtipp:

Peter Jenny – Kreative Interventionen

Felix Scheinberger – Ein Blick hinter die Kulissen

Kurzbiografie

Felix Scheinberger wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Schlagzeug war ihm wichtiger als Schule, statt Abi zu machen spielte er bis zum 22. Lebensjahr in Punkbands. Die Begabtenprüfung wurde seine Eintrittskarte an die FH für Gestaltung in Hamburg, wo er Illustration studierte und anschließend nahtlos in die Selbstständigkeit startete.In den letzten zehn Jahren hat er über 50 Bücher illustriert, regelmäßig für angesehene Zeitungen gearbeitet, Preise gesammelt, in Mainz, Hamburg und Jerusalem gelehrt und durch seine Lehrbücher reihenweise Kreative den Zeichenstift und den Wasserfarbkasten wieder entdecken lassen.
Felix Scheinberger war von 2010 -12 Stellvertretender Vorsitzender der IO – Illustratoren Organisation, des Berufsverbandes deutschsprachiger Illustratoren. Seit 2012 ist er Professor für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Ich war das Kind, das sich für Dinosaurier interessierte, das Star Wars-Sammelbildchen und Steine sammelte, das Gruselgeschichten las und für die Sportfischerprüfung lernte. Das Dampfnudeln und Bienenstich liebte, im Wald Hütten baute und das später mal Forscher werden wollte. Und ja klar, ich habe auch gezeichnet. Aber wohl eher eben „auch“.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Ich habe einen Onkel, der eigentlich schon immer ein großer Freund schöner Bücher war. Und dieser Onkel schenkte mir jede Weihnachten einen Stapel Bücher der Büchergilde Gutenberg, deren Mitglied er seit Jahren war. Das bedeutete, dass ich nicht irgendwelche Bücher bekam, sondern Bücher, die auch „gut gemacht“ waren: mit zeitgemäßem Grafik-Design, festen Einbänden und natürlich fantastischen Illustrationen. (Illustrierte Bücher waren auch früher schon keine Selbstverständlichkeit und gerade die Büchergilde stand in den siebziger Jahren für feinste Buchkunst). Über diesen Weg lernte ich schon früh Illustratoren wie Tomi Ungerer, Ralph Steadman oder Horst Janßen kennen.
Ich glaube, diese Bücher haben mich nachhaltig geprägt und sie hatten keinen geringen Anteil daran, dass ich in Hamburg Illustration studierte.

Was macht einen guten Illustratoren aus?

Von einem Illustrator erwartet man in der Praxis tatsächlich nicht wenig: Er muss Gestalter, Künstler, Designer und Manager in einer Person zu sein, Er muss sein Handwerk beherrschen, Geschmack haben und einen unverwechselbaren Stil sein Eigen nennen. Dazu kommt, dass er ja nicht nur umsetzten soll, was andere sich ausdenken, er soll auch selbst kreativ sein und im Handumdrehen Ideen, visuelle Sprachen und pfiffige Bildlösungen kreieren. Darüber hinaus muss er natürlich das gesamte grafische Vokabular vom Layout bis hin zur Druckvorstufe beherrschen und selbstredend „in time“ liefern. Dazu kommt, dass er sich selbst vermarkten muss (immerhin sind nach einer neuen Umfrage der Illustratoren Organisation nur weniger als 2% der deutschen Illustratoren festangestellt). Er muss Kunden akquirieren und das Einmaleins des Freiberuflertums von der Buchhaltung bis zum Zeitmanagement spielend beherrschen.
Kurzum:
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumindest sofern man sie wörtlich nimmt.

Ich würde sagen, es kommt auf eine Mischung an:
Primär muss man gute Ideen haben & Illustration lieben, aber man muss auch in Lage sein, sich zu vermarkten.

Ist Illustration Kunst oder Handwerk?

Illustration ist ganz klar Kunst oder kann zumindest ganz klar Kunst sein.

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Ich denke, dass sie den Beruf an sich eher beflügelt haben. Allerdings haben sie die Branche tiefgreifend verändert. Das Problem an den neuen Medien ist in der Tat, dass sie Teile der Arbeitsschritte in der Illustration automatisiert haben, die noch vor einer Generation von Hand gemacht wurden. Das bringt Gutes wie Schlechtes mit sich. Gutes, weil sie uns eher langweilige Teile der Arbeit abgenommen haben, Schlechtes, weil Sie insgesamt das Mittelmaß befördern (das gilt jedoch für das gesamte grafische Gewerbe). Gestaltung ist ja nicht nur Inspiration, sie ist auch Handwerk. Der digitale Umgang mit ihr befördert eben auch jedweden gestalterischen Bluff, wenn man im Handumdrehen scheinbar praktikable Ergebnisse generieren kann, ohne gestalterische Basics zu beherrschen.

Was zeichnet Ihren Stil aus?

Das ist schwer zu beantworten. Sich selbst gegenüber ist man ja immer etwas „betriebsblind“. Ich glaube, ich mag einfach Zeichnungen. Ich arbeite fast immer aus der Linie heraus und koloriere hinterher mit Wasserfarben (und manchmal mit Buntstiften oder Collageschnipseln aus buntem Papier.)
Kurz gesagt sehe ich mich selbst deshalb vor allem als Zeichner.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?

Zeichnung und Aquarell. Am liebsten direkt „vor Ort“ in ein Skizzenbuch gemalt.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich unterrichte ja noch an der FH Münster Illustration. Deshalb ist meine Woche eigentlich immer in zwei Hälften zerschnitten. In der einen Hälfte sitze ich in Berlin am Schreibtisch und in der anderen bemühe ich mich, unseren Studierenden Zeichnung und Illustration nahezubringen.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Nein ☺

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

In der Regel habe ich gleich ein paar Visionen im Kopf – und in der Regel erweisen sich diese dann beim genauen Hinsehen (und aufzeichnen) als ziemlicher Mumpitz.
Tatsächlich kommen mir die besten Ideen beim Weiterverarbeiten von schlechteren Ideen.
Ich bin da ein großer Freund vom „machen“. Ich zeichnen einfach los und entwickele nach und nach ( und ebnen auch über -oft notwendige- schlechtere Zwischenschritte) bessere Ideen.
Ich habe festgestellt, dass ich meistens nur meine Zeit verschwende , wenn ich darauf warte , dass mich die Muse küsst. Drum: Ich nehme einfach ein Schmierpapier und zeichne los.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?

Ich habe vor ein paar Jahren ein Buch mit Skizzen aus dem Berliner Nachtleben veröffentlicht, mit Zeichnungen von Orten an denen fotografieren explizit verboten ist. Ich mochte den Gedanken etwas zeichnerisch zu dokumentieren was eben nur zeichnerisch zu dokumentieren ist. Aus Clubs, aus Techno Parties aus explizit sexuellen Zusammenhängen.
Und ich mag den Effekt, dass dies durch Zeichnung greifbar wird ohne die Protagonisten bloss zu stellen.

Welches Projekt würden Sie einem Leser gerne vorstellen?

Ich würde gerne mein neuestes Buch vorstellen. Mein Mix-Max Kochbuch. Ein Buch dessen Idee ich sehr mag. Es ist kein „normales“ Kochbuch das einem Rezepte vorschreibt und in dem Kochen einfach das Abarbeiten von Einkaufslisten darstellt. Das Mix Max Kochbuch hilft einem wirklich kreativ zu sein. Ich habe mir die Idee zusammen mit meiner Freundin Doro einfallen lassen, und ich glaube, es ist wirklich etwas neues und hilft allen, die wirklich Kochen lernen wollen, indem es spielerisch die Möglichkeiten aufzeigt, die unterschiedliche Zutatenkombinationen bieten.

Ein kleiner Blick ins Buch:

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

Ich mag Illustration und deshalb mag ich auch die Menschen, die sie machen.
Die meisten meiner Freunde haben mit Gestaltung oder Illustration zu tun und ich empfände mein Leben als ärmer, wenn ich mich nicht immer wieder mit Gleichgesinnten treffen und über unsere Kunst unterhalten könnte.
Ich glaube tatsächlich, dass wir nur gemeinsam die Situation der Illustratoren verbessern können. Deshalb war ich auch lange im Vorstand der IO Illustratoren Organisation aktiv. Ich glaube zudem, dass das Kontraproduktivste, was man in einer wirtschaftlich schwierigen Situation entwickeln kann, Konkurrenzdenken ist. Im Gegenteil ist es die Solidarität, die uns stark macht.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

In einem Satz? Man sollte kreativ, fleißig und mutig sein.

Welchen Illustrator oder Künstler soll ich hier noch vorstellen?

Meinen Atelierkollegen Aljoscha Blau 😉