Steven Naifeh, Gregory White Smith: Van Gogh. Sein Leben

Das Leben und Scheitern eines Jahrhundertmalers

„Dieser Mensch ist entweder verrückt, oder er lässt uns alle weit hinter sich.“

Mit dem ersten Teil der Aussage sprach Camille Pissarro von Anfang an allen aus dem Herzen. Vincent van Gogh war alles andere als ein gewinnender Mensch. Er war störrisch, eigensinnig, eigenbrötlerisch, ablehnend, teilweise ungepflegt. Er war aufbrausend, fanatisch in allem, was er wollte, fordernd und nicht sehr umgänglich. Ob diese Eigenschaften Grund für sein ständiges Scheitern bei allem, was er anpackte waren oder aber er so wurde, weil er von klein auf in seinen Sehnsüchten und Wünschen verstossen wurde und nicht reüssierte, ist schwer zu sagen. Fakt ist, dass er erst mit 30 Jahren zur Malerei kam, der Weg davor steinig war, der danach nicht weniger.

Vincent van Gogh wurde in eine Familie hineingeboren, in der Zusammenhalt und Familiensinn hochgeschrieben wurden. Diese Werte ins Herz gepflanzt, muss es umso schmerzlicher gewesen sein, immer der Aussenseiter, gar der verstossene, „missratene“ Sohn zu sein.  Vincent schwankte zwischen verzweifelten Annährungsversuchen und trotziger Abkehr von der Familie. Und er litt. Teilweise so sehr, dass er in Depressionen verfiel, sich völlig zurückzog von den Menschen und vom Leben – nicht dass er in weniger depressiven Momenten sehr sozial veranlagt gewesen wäre.

Wenn er sich nicht um gute Gesellschaft bemühe, komme es daher, weil man „als Maler auf andere gesellschaftliche Bestrebungen verzichten muss“. Wenn er „zeitweilig unter Schwächeanfällen, Nervosität und Melancholie“ leide, liege es an „einer Eigenheit in der Natur jedes Malers“. Wenn er ein unruhiges, unkonventionelles Leben führe, dann weil es „zu meinem Beruf passt. […] Ich bin ein armer Maler.“

Er suchte zwar immer Anschluss, am liebsten familiären, war aber nicht in der Lage, diesen lange aufrecht zu erhalten. Er überwarf sich mit allen Menschen, die er anfänglich verehrte, die es auch gut mit ihm meinten.

Als er endlich zur Kunst fand, ging er darin auf. Wie alles zuvor betrieb er auch die Malerei fanatisch. Er war einerseits dankbar für jede Anleitung, die er finden konnte, schlug Ratschläge aber trotzdem schnell in den Wind, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Sehr ausführlich beschreiben Steven Naifeh und Gregory White Smith Vincent van Goghs Leben und Schaffen. Quellen, Briefe und ältere Biographien fanden Eingang in dieses 1200 Seiten starke Buch und legen ein Leben offen, das vom Scheitern geprägt war. Das Leben dieses Suchenden wird in den zeitlichen Kontext eingebettet und seine Bezüge zur Umwelt, zu den Menschen seiner Zeit offengelegt. Das Buch zeigt auf, was Vincent van Gogh bewegte, umtrieb, teilweise auch umstiess. Sachlich, akribisch, nie langweilig entfaltet sich der gequälte Lebensweg eines Menschen, der von Sehnsüchten geplagt war, die sich nie erfüllten, und der ob seines eigenen Scheiterns verzweifelte – um sich dann doch wieder aufzuraffen und in ein neues Abenteuer zu stürzen. Die Malerei war das letzte. Auch da war der Weg hart, doch er ging ihn durch alle Schwierigkeiten hindurch. Glücklich hat er ihn nicht gemacht, aber unsterblich.

Fazit:

Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 1216 Seiten

Verlag: Hatje Cantz Verlag (9. Oktober 2012)

ISBN-Nr.: 978-3775734646

Preis: EUR  34 / CHF 48.90

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Blumengruss

Während ich früher mehrheitlich mit Stift und Tinte zeichnete, das Ganze mit Aquarell kolorierte, experimentiere ich aktuell viel mit Aquarell. Ich versuche herauszufinden, wie genau ich die Blumen haben möchte, ob nur angedeutet, wie hier, als Spiel aus einer Technik von nass in nass, in welcher sehr wenig kontrolliert werden kann, oder aber ob ich doch lieber detailierter malen möchte.

Blumengruss

Wenn ich etwas nennen müsste, das mich immer wieder angezogen hat, dann sind es Blumen. Nicht nur freue ich mich immer, wenn ich eine draussen sehe, ich habe sie auch immer wieder fotografiert, gezeichnet, gemalt. Natürlich gab es immer auch wieder andere Sujets, aber Blumen kamen immer wieder zurück.

Ich habe beschlossen, mich nun eine Weile intensiver mit Blumen zu beschäftigen – dies in den verschiedensten Medien und Stilen. Bislang kam ich immer wieder von Blumen weg, da ich dachte, sie seien eher zu brav, als Sujet veraltet, zu wenig bedeutsam, um als Kunst zu gelten. Doch selbst wenn das alles so wäre, bliebe unterm Strich doch das eine stehen: Sie sind das, was mich anzieht, sind das, was mir Freude bereitet, sind das, welchem ich mich nun widmen möchte.

Ich möchte dabei Dinge ausprobieren, Mut haben und nicht einfach in der Komfortzone bleiben. Es ist einfach, das, was man schon kann, immer wieder zu tun. Damit gewinnt man auch oft die meiste Anerkennung – und wer würde sich nicht über solche freuen? Wie oft messen wir uns an Likes in den Sozialen Medien? Wie oft hadern wir, wenn sie ausbleiben? Doch wenn wir uns daran ausrichten, wird das, was wir tun, nicht authentisch sein und wir werden zu Sklaven des Geschmacks anderer.

Gestern hörte ich einen Vortrag von Brene Brown zum Thema „Verletzlichkeit“. Neben vielen grossartigen Aussagen sprach mich auch die sehr an: Es gibt keine Kreativität ohne Mut und es gibt keinen Mut ohne Verletzlichkeit. Wenn ich mich in neue Bereiche vorwage, riskiere, dass etwas auch mal misslingt, mache ich mich verletzlich. Und das braucht Mut. Stimmen werden da sein, Mist finden, was ich tue. Das tut weh. Wichtig, so Brene Brown, sei nur, zu unterscheiden, welche Stimmen man ernst und zu Herzen nehmen muss (ehrliche Kritik ist so wertvoll), welche man fallen lassen sollte (Menschen, die einem nichts Gutes wollen, sind meist eher an destruktiver Kritik interessiert und an Verletzungen).

Und so gehe ich den Weg mutig und lasse euch dran teilhaben.

Mel Gooding: Kunstkiste

Der Hauptzweck jedes Kunstwerks besteht darin, der Welt Sinn (oder Unsinn) zu verleihen: Es soll Gedanken und Gefühle auslösen, Kopf und Herz aktivieren.

Mel Gooding richtet sich mit der Kunstkiste an kunstinteressierte Menschen, an Menschen, die Kunst geniessen, etwas darüber erfahren oder sich gar selber als Künstler probieren wollen. In einer Broschüre (Moderne Kunst: Für Anfänger und Fortgeschrittene) liefert er eine theoretische Sicht auf die moderne Kunst, darauf, was Kunst überhaupt ist und will, darauf, was wir unter abstrakter, konkreter und konzeptueller Kunst verstehen. Er widmet sich den Themen Malen und Zeichnen, der Bedeutung des Rahmens für das Bild und auch dem Kunstmarkt und seinen Preisen für einzelne Werke. Kunst ist mehr als nur ein Bild an der Wand, sie ist ein Diskurs mit der Welt von Künstler, Werk, Betrachter und Umwelt. Alle bringen etwas in die Kunst hinein und es entsteht immer wieder etwas Neues.

Dieses Gemisch miteinander zusammenhängender Aktivitäten – das Werk und seine Rezeption, Reden und Schreiben, lesen und Reflektieren, Kaufen und Verkaufen, Werbung, Handel und Sammlung, Medienberichte aller Art – ist das, wa sich meine, wenn ich vom „Diskurs“ der Kunst spreche, denn jeder Aspekt dieses Diskurses hat auf die eine oder andere Art mit Definition, Klassifikation, Urteil, Bedeutung und Wert zu tun.

Auf sehr hochwertigen Karten präsentiert Mel Gooding thematisch geordnet die Herangehensweisen einzelner Künstler an ihre Werke. Dabei nennt er je nach Thema/Richtung wichtige Vertreter des jeweiligen Stils wie auch die Schritte, wie man selber ein Bild der genannten Art herstellen kann. Die Kunstkiste ist damit einerseits dazu geeignet, Kunst besser zu verstehen und sie mit anderen Augen zu betrachten. Andererseits liefert sie Inspirationen für einen eigenen, künstlerischen Weg, indem sie Ausdrucks- und Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigt.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys)

Fazit
Informativ, inspirierend und unterhaltsam – absolut empfehlenswert für Kunstliebhaber, Kunstinteressierte und Inspiration suchende Künstler (sowie solche, die es werden wollen.

Zum Autor:
Mel Gooding ist einer der profiliertesten Kenner moderner und zeitgenössischer Kunst. Er ist Autor vieler Künstler-Monografien, unter anderem über Kurt Schwitters, Patrick Heron, Robert Motherwell und David Shrigley, sowie Herausgeber zahlreicher Bücher. Gooding unterrichtet an Kunsthochschulen, kuratiert Ausstellungen und schreibt als Kunstkritiker für diverse britische Zeitungen. Er lebt in London.Schottland stammt, lebt er in New York.

Angaben zum Buch:

Umfang: Broschüre 63 Seiten & 42 Karten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (9. September 2015)
Übersetzung: Ulrike Becker
ISBN: 978-3455381474
Preis: EUR: 24.90 ; CHF 34.90