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Kleine Poesie: Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
(Rainter Maria Rilke: Der Panther, Im Jardin des Plantes, Paris)

Kleine Poesie: Ich lebe mein Leben und wachsenden Ringen


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen)

Ist das Kunst?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Ich weiss nicht, woher der Satz kommt, aber er wurde zu einer geflügelten Wendung. Was ist Kunst? Wer bestimmt es? Eine wirkliche Definition gibt es nicht. Was früher Handwerk und Auftragsmalerei war, gilt heute als höchste Kunst, was heute zu gefällig daher kommt, gilt als Kitsch, Kunst muss mehr bieten.

Was also muss Kunst leisten? Gefallen? Wem? Eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Realität sein – im Sehen, Denken? Oder ein Apell? Für eine Handlung, eine zumindest gedachte Auseinandersetzung? Hat Kunst einen Auftrag oder ist sie frei von Nutzen (was sie nach Immanuel Kant erst zur Kunst machte)? Soll Kunst erziehen (Schiller propagierte sie als Lehrplatz fürs Leben) oder einfach nur erfreuen (hier finden sich dann viele Stimmen – auch Kant schlug in die Kerbe).

Ich für mich frage mich das immer wieder. Und immer wieder versuche ich Ansprüchen zu genügen. Es muss gut sein. Doch: Wer bestimmt? Mit welchem Recht? Schauen wir Picasso an: Nicht alles, was er tat, war ein „wirklicher Picasso“ im marktüblichen Sinne. Schauen wir Gaugin an: Keiner wollte das naive Gepinsel haben, ein paar gut meinende Lebensmittelverkäufer gaben ihm zu Essen und warfen die Bilder auf den Dachboden. Paula Modersohn-Becker verkaufte zu Lebzeiten kaum ein Bild, van Gogh verzweifelte bis hin zur Selbstzerstümmelung. Michel Basquiat zeichnete (so böse Zungen) so, wie es jeder Kindergärtler auch könnte… und die Bilder kosten heute Millionen. Wie die vorher genannten auch.

Ich möchte mich nicht mit all den oben genannten vergleichen. Höchstens insofern, als sie taten, was sie tun wollten/mussten, da es ihnen entsprach. Picasso hatte Glück (aber auch ganz viel Können, ich verehre ihn für ganz vieles), dass er schon zu Lebzeiten als das erkannt wurde, was er war. Aber: War Gaugin zu Lebzeiten kein Künstler? Wann wurden seine Bilder zu Kunst?

Und so habe ich für mich eine einzige Definition:

Künstler ist der, welcher etwas erschaffen will, weil er nicht leben möchte/könnte, ohne es zu tun. Und ja, er tut dies nicht, um zu gefallen (was verdammt schwer ist – wie einfach wäre es, alles nur noch so zu malen/zeichnen, wie das, was mal ankam bei anderen??), er tut dies, weil es sein Naturell ist.

Kunst schert sich nicht um die Etikette „Kunst“ und auch nicht darum, ob was gefällt oder nicht. Kunst muss ansprechen. Bewegen. Auf die eine oder andere Weise. Das kann ein Entzücken sein, weil es so schön ist, ein Erstaunen, weil es so speziell ist, ein Entsetzen, weil es so abgründig ist. Ich würde nicht alles Ansprechende oder Bewegende ins Wohnzimmer hängen. Und ja, nicht alles, was da hängt, würde von anderen als Kunst bezeichnet.

Kunst ist individuell. Und ja, es ist ein Markt. Mich interessiert nur: Was bewegt mich. Und das prägt mich in meinem Tun. Immer wieder. Und wenn es dann wen mit bewegt, dann ist das ein Geschenk. Und ja, es bleibt nicht aus: Dass Menschen dann finden, dass das, was ich tue, in ihren vier Wänden hängen soll, weil es in ihnen was auslöst?! Das ist das grösste Geschenk überhaupt. Und dafür bin ich dankbar.

Ich und meine Kunst

Schon als Kind konnte sich Sandra Matteotti über Stunden mit Stiften und Papier beschäftigen und füllte mit ihren „Kunstwerken“ schon bald die Wände der elterlichen Wohnung. Später kam die Liebe zu Büchern hinzu. Vor die Wahl gestellt, in welche Richtung die Ausbildung gehen soll, entschied sie sich schliesslich für die Bücher, studierte Literatur und Philosophie, auch, weil sie den Dingen gerne auf den Grund geht, sich von der Neugier leiten lässt. In der Zeit war das Schreiben zentral in ihrem Leben, die bildende Kunst rückte in den Hintergrund. Nach ihrer Promotion besann sie sich – des Schreibens etwas müde – auf diese zurück und tauchte mit Haut und Haar ein.

Als kreativer Mensch steht sie immer wieder staunend in der Welt und probiert, von der Neugier gepackt, Neues aus. Es fällt ihr drum schwer, sich nur auf etwas zu konzentrieren, sie schöpft gerne aus dem Vollen und lässt ihrem Wunsch nach Ausdruck freien Raum. Was ihre verschiedenen Werke verbindet, sind diese beiden grossen Inspirationsquellen: Das Interesse an Menschen und an der Welt, in der sie leben. Aber auch die Natur und die Kunst der alten Meister bieten immer wieder Anreize.

So ergründet Sandra Matteotti täglich die Welt mit Stift und Pinsel, erprobt sich in Strichen und Flächen, sucht Formen und drückt Gefühle aus – sie fährt sprichwörtlich den Stift spazieren und geht mit. Wichtig ist ihr, dass ihre Bilder ein direkter Ausdruck von Emotionen sind, dass sie ansprechen, berühren und auch beim Betrachter Emotionen wecken. Dabei geht es ihr vor allem darum, Freude am Tun zu haben und auch Freude auszulösen. Das Düstere des Lebens oder der Welt überlässt sie in dem Bereich gerne anderen.