Rezension: Françoise Gilot, Carlton Lake – Leben mit Picasso

Picasso – Genie und Machtmensch

1943 lernt Françoise Gilot Picasso zufällig in einem Restaurant kennen. Sie besucht ihn in der Folge in seinem Atelier, lässt sich seine Bilder zeigen. Picasso interessiert sich seinerseits auch für ihre Werke, führt Françoise in seine Kreise ein und umgarnt sie. Sie weiss sich zu behaupten, stellt sich ihm entgegen, was der sonst so von Frauen verwöhnte Picasso so nicht kannte – und was ihn wohl umso mehr reizte.

Françoise ist sich von Anfang an im Klaren, dass eine Beziehung mit Picasso kein leichtes Unterfangen ist, dass sie nicht die erste Frau an seiner Seite und er kein Kind von Traurigkeit ist. Zudem sagt ihr Picasso auch selber, dass er nicht an eine ewige Liebe glaubt.

Es gibt alles nur in begrenztem Mass, besonders das Glück. Wenn eine Liebe beginnen soll, ist alles schon irgendwo aufgezeichnet, auch ihre Dauer und ihr Inhalt.

Trotzdem lässt sich Françoise auf diese Beziehung ein, verlässt dafür Hals über Kopf eines Nachts ihre Grossmutter (wo sie seit einem Streit mit ihrem Vater wohnte) und zieht zu ihm. Von da an sind die beiden kaum je getrennt, trotzdem ist das Leben alles andere als einfach, denn Françoise ist nicht allein in Picassos Leben. Olga, Picassos Frau spielt eine tägliche Rolle in ihrem Leben (mit ihr hat Picasso den Sohn Paulo), Marie-Theres Walter, derentwegen er Olga verlassen hat (mit ihr hat Picasso Tochter Maya) sowie Dora Maar, für welche er Marie-Therese verliess, sind ständig präsent.

Trotz dieser Schwierigkeiten, zu denen sich noch das sehr eigenwillige Wesen Picassos gesellte, leben Françoise Gilot und Picasso 10 Jahre zusammen, haben gemeinsam zwei Kinder (Claude und Paloma). François stösst dabei an die Grenzen des Zumutbaren, so dass sie Picasso nach 10 Jahren schweren Herzens verlässt.

Leben mit Picasso ist eigentlich ein historisches Dokument. Es behandelt einerseits die zehnjährige Beziehung Picassos mit Françoise Gilot. Gilot erzählt auf eindrückliche, psychologisch tiefgründige und scharfsinnige Weise ihr Leben an der Seite des grossen Künstlers, der alles sich und seiner Malerei unterwarf. Mit einem unglaublichen Schaffensdrang ging er an sein Werk und duldete nichts, was sich ihm oder diesem in den Weg stellte. Er war zutiefst misstrauisch gegen Menschen, prüfte diese immer wieder auf ihre Gefühle, indem er ihnen Fallen stellte. Er war die Sonne in seinem eigenen Universum, die anderen höchstens kleine Sterne, die ihn umkreisten. Er bestimmte, wie alle zu leben hatten, wagte es jemand, sich seinen Wünschen zu widersetzen oder sich nicht so aufzuführen, wie er es erwartete, hatte der andere Picassos Gunst verspielt.

Der Leser erfährt im vorliegenden Buch viel über den Menschen Picasso, über sein Leben vor, mit und auch nach François Gilot. Er lernt seine Freunde kennen, wird auch in deren Schaffen eingeführt – allen voran Henri Matisse, aber auch Paul Eluard, Gertrude Stein und viele mehr. Nicht vom Leben Picassos ist dessen Schaffen als Künstler zu trennen, da er diesem alles unterordnete. Praktisch wörtlich gibt Françoise Gilot wieder, was Picasso über sein Verständnis von Kunst sagte.

Es gibt Formen, die sich dem Maler aufdrängen. […] Ein Künstler ist nicht so frei, wie es manchmal aussieht.

Kunst ist eine Art Aufruhr. Etwas, das einfach nicht frei sein darf. Kunst und Freiheit muss man wie das Feuer des Prometheus rauben, um sie gegen die bestehende Ordnung anzuwenden. Wenn Kunst einmal offiziell und für jeden greifbar ist, dann entsteht ein neuer Akademismus.

Daraus ergibt sich nach Picasso, dass sich ein Künstler immer gegen den Staat stellt und seine Kunst nicht von diesem anerkannt werden kann. Der Staat kann einem nicht mal den freien Ausdruck durch die Kunst zubilligen, da dies die Kunst eher einschränken, ihr die Richtung nehmen würde.

…das Recht auf freien Ausdruck ist etwas, das man sich nimmt, nicht etwas, das einem geschenkt wird; es ist kein Prinzip, von dem man sagen könnte, dass es vorhanden sein müsse. Das einzig Prinzipielle daran ist: Wenn dieses Recht existiert, so existiert es, um gegen die bestehende Ordnung gebraucht zu werden.

Der Weg des Künstlers ist denn auch kein leichter, sondern einer, der von Hindernissen gepflastert ist. Es ist ein Weg, bei dem man im ständigen Kampf mit der Umwelt steht und ihr etwas entgegen setzen muss.

Der Mensch erreicht den Status des Künstlers nur, nachdem er die grösstmögliche Anzahl von Barrieren überwunden hat. Daher sollte man die Künste entmutigen, nicht ermutigen.

Dass dieser Weg Kraft braucht, liegt auf der Hand, Picasso bewältigt ihn so, dass er die meiste seiner Energie auf seine Kunst verwendet. Andere Vergnügen oder Ablenkungen kennt er kaum (von den Frauen mal abgesehen). Und er leidet. Beständig. Er mag morgens nicht aufstehen, weil er das Leben als Qual sieht und nirgends Hoffnung oder Aussicht auf Gutes. Nur unter stundenlangem Zureden kann man ihn dazu bewegen, Hoffnung zu schöpfen, das Bett zu verlassen. Wenn dies geschafft ist, beginnt er frohen Mutes und voller Schaffensdrang sein Tageswerk bis tief in die Nacht, um am nächsten Morgen wieder gleich zu starten wie am Tag zuvor.

Neben dem komplizierten Wesen Picassos und seinen Gedanken zur Kunst beleuchtet das Buch auch die einzelnen Phasen seines Schaffens, erklärt die Hintergründe seiner Werke mit ihrer Entstehungsgeschichte und Picassos Gedanken dazu. Alles in allem ein sehr umfassendes, sehr tiefgründiges und persönliches Buch über einen sicher nicht einfachen und umgänglichen, aber sehr faszinierenden Menschen und herausragenden Künstler.

Fazit
Ein wunderbares Buch über Picasso, das Einblicke in sein Leben, sein Werk und seine Gedanken gibt. Absolut empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
GilotPicassoTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (1987)
ISBN-Nr.: 978-3257215847
Preis: EUR 12.90 / CHF 22.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

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3 Kommentare zu „Rezension: Françoise Gilot, Carlton Lake – Leben mit Picasso

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