Rezension: Lyonel Feininger/Alfred Kubin. Eine Künstlerfreundschaft

Verschieden in ihren Künsten, verbunden in ihren Seelen

Wie konnte eine Freundschaft zwischen zwei fast gleichaltrigen Künstlern zu einem Zeitpunkt entstehen, an dem der eine, Alfred Kubin, sein grandioses dämonisches Frühwerk bereits vollendet hatte, der andere, Lyonel Feininger, gerade im begriff war, seine eigene künstlerische Form überhaupt erst zu finden? Es ist eine Freundschaft zweier Künstler, die sich prima vista unterschiedlicher kaum sein konnten, sich aber in ihrer Sehnsucht nach Gestaltung, in den Zweifeln an sich selbst und der Gesellschaft im Geiste verbrüderten.

Alfred Kubin schrieb sich – nach einer fotografischen Lehrzeit – an der Kunstakademie in München, brach das Studium aber nach einem Jahr ab. Zu dem Zeitpunkt hatte er schon viele ihn prägende Kontakte zur Münchner Künstlerszene geknüpft. 1906 verliess er die Stadt und zog aufs Land, ins Schloss Zwickled, wo er bis zu seinem Tod in Abgeschiedenheit lebte.

In Zwickled erreichte ihn eines Tages im Jahr 1912 der erste Brief von Lyonel Feininger:

 …von den heutigen Zeichnern schätze ich Sie ganz besonders

Insgesamt 37 Briefe gingen zwischen den beiden unterschiedlichen Künstlern hin und her, die sich im Leben nur zweimal gesehen haben. Sie tauschten Bilder aus und stülpten dem anderen gegenüber das Innerste nach aussen, liessen diesen teilhaben an ihren Gedanken über sich selber und die Gesellschaft, in welcher sie lebten.

Das vorliegende Buch vereinigt zum ersten Mal den kompletten Briefwechsel, der bis ins Jahr 1919 dauerte, dann abbrach. Der Leser erhält so einen tiefen Einblick in die Seele des Zeichners Kubin, aus welcher heraus all die Bilder voller dunkler Themen entstanden sind.

Auf mich wirken […] die widerspruchsvollen und traurigen Seiten des Lebens eindrucksvoller als das sogenannte ‚Gute, Klare’, – ich sehe alles in visionären Formen, in Bildern und im Nachgrübeln über diese Bilder und Festhalten derselben vergeht mein Leben […]

Neben den Briefen enthält der Band Werke Feiningers aus dem Nachlass Kubins sowie eine breite Auswahl von Kubins eigenen Zeichnungen. Kubins ganze Bandbreite phantastischer Traumvisionen und düsterer Symbolik kommt zum Tragen: sexueller Exzess, okkulte Beschwörung, Bedrohung und Gefahr, Rausch, Wahn und Tod – Themen, die ihn Zeit seines Lebens beschäftigten, Themen, die in seiner Lebensgeschichte gründeten. In fundierten Artikeln wird das Leben und Schaffen Kubins mit Bezugnahme auf die gezeigten Bilder dargelegt und es werden die Unterschiede im Schaffen der beiden Künstler aufgezeigt und bildhaft untermauert.

Während Kubin sich auf seinem Künstlerweg mehr und mehr der Illustration von Büchern zuwandte, entdeckte Feininger in seinen späteren Jahren die Malerei für sich. Das vorliegende Buch macht beide Wege mit ihrer jeweiligen Entwicklung sichtbar. Ein Muss für Liebhaber beider Künstler!
Es handelt sich hierbei zugleich um den Katalog zur Ausstellung im Alten Rathaus, Ingelheim, 2015 und in der Albertina, Wien, 2015/2016.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über zwei herausragende Künstler und ihre (Brief-)Freundschaft. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
lyonel_feininger_alfred_kubinGebundene Ausgabe: 312 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag (29. Mai 2015)
Herausgeber: Ulrich Luckhardt
ISBN-Nr.: 978-3775739894
Preis: EUR 35 / CHF 49.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: